Eine kurze Studienreise in den Problemkiez Neukölln/Berlin
( 4. – 7. April 2017)

Eine Annäherung in vier Episoden

 

0. Einleitende Bemerkungen

Neukölln hat ungefähr 300.000 Einwohner und ist der ärmste Stadtbezirk von Berlin mit seinen ungefähr 3,1 Millionen Menschen. Vor der Wende lag er direkt an der Mauer und gehörte zu Westberlin.

32 % seiner Bewohner weisen einen Migrationshintergrund (Personen mit nicht deutscher Muttersprache) auf. Damit ist der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund verglichen mit ganz Wien ungefähr gleich hoch bzw. bedeutend geringer, je nachdem, wie man die obige Definition „Personen mit nicht – deutscher Muttersprache“ auslegt.

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Für ganz Wien wurden 2015 31 % als erste Generation der Zuwanderer (im Ausland geboren) ausgewiesen und 10,8 % als zweite Generation (Kinder der Zuwanderer).

Zusammengerechnet macht dies 42 % aus.

In manchen Wiener Stadtbezirken wie im 16. Ottakring, im 15. Rudolfsheim – Fünfhaus oder im 10. Favoriten steigt der Migrantenanteil allerdings deutlich über die 50%-Marke.

Und bei den Schulkindern ist in diesen Bezirken ein Migrantenanteil bis zu 75 % nichts Ungewöhnliches.

Aber dies lässt sich auch für Neukölln sagen, wo ebenfalls in manchen Grundschulen der Migrationshintergrund bei über 85 % liegt. Sehr auffallend ist aber, dass die Schüler miteinander deutsch sprechen. Wie auch in den U-Bahnen Berlins durchwegs deutsch gesprochen wird.

Die Migranten in Neukölln konzentrieren sich im Wesentlichen auf den Stadtteil Nord-Neukölln:

 

Einwohner mit Migrationshintergrund:

Nord-Neukölln: 53%

Neukölln insgesamt: 32 %

 

Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund bei den Unter-18-Jährigen:

Nord-Neukölln: 80%

Neukölln insgesamt: 69 %

 

Arbeitslosenquote:

Neukölln: 15,1 %

Ausländer in Neukölln: 24,4 %

 

HartzIV – Empfänger (vergleichbar mit unserer Mindestsicherung)

Neukölln: 29 % aller Bewohner

Die Hälfte der HartzIV – Empfänger in Neukölln wohnt in Nord-Neukölln

 

Neukölln – und damit ist eigentlich Nord-Neukölln gemeint – ist deutlich mehr multikulturell ausgerichtet als irgendein Bezirk in Wien. 152 Nationen leben in Neukölln nebeneinander her. Darunter nicht nur Armutsflüchtlinge wie in Wien, sondern auch viele junge Menschen aus den USA, aus Israel und anderen westlichen Ländern, weil Berlin eben eine heiße Adresse ist und viele geschäftliche Möglichkeiten bietet.

Verglichen mit Wien ist in Neukölln der Anteil an Türken doppelt so hoch. Aber diese Konzentration dürfte auch in einigen Wiener Bezirken erreicht werden.

In einem wichtigen Punkt unterscheidet sich aber Neukölln von den Wiener Bezirken: die Dominanz arabischstämmiger Menschen in manchen eng abgegrenzten Vierteln bzw. Straßenzügen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Neukölln zu einem mehrheitlichen Moslembezirk wird, wiewohl offiziell nur 38 % seiner Einwohner Moslems sind.

Aber Heinz Buschkowsky, ehemaliger Bezirksbürgermeister von Neukölln, schätzt, dass die Moslems bereits jetzt die Hälfte der Einwohnerschaft stellen. Wie dem auch immer sei: die hohe Geburtenrate in muslimischen Familien sowie der Zuzug von Flüchtlingen aus dem islamischen Raum wird in absehbarer Zeit den Bezirk zum „Kippen“ bringen, was für die Ersteller von Sozialbudgets im Neuköllner Rathaus vor großen Problemen stellen und in der Folge zu steigender Kriminalität führen wird.

Bereits jetzt werden 74 % aller Ausgaben im Budget der Bezirksverwaltung (588 Millionen € jährlich) für Transferzahlungen aufgewendet – und dies mit steigender Tendenz.

Bitte, klicken Sie den Stadtteilplan an, um ihn besser lesen zu können!

1 Stadtplan Neukölln

Stadtteilplan von Neukölln/Berlin

1. Episode: Ein vorösterlicher Spaziergang zur Sehitlik – Moschee bei der Tempelhofer Freiheit

 

Die ungefähr halbstündige Wanderung vom Neuköllner Rathaus die Flughafenstraße und den Columbiadamm entlang zur größten Moschee von Berlin, nur von einem kleinen Schmaus bei einer türkischen Bäckerei bei der Hermannstraße unterbrochen, ist eigentlich recht idyllisch, wenn man von der Querung der Hermannstraße mit den devastierten Häusern und den vielen Graffiti daran sowie dem wüsten Cafe „Aleppo“ absieht.

14 Cafe Aleppo

Cafe Aleppo bei der Hermannstraße

Am letzten Teil der Strecke wandert man jetzt im Frühling durch eine wunderbare Gartenlandschaft. Auf der linken Seite kommt zwar das übel beleumdete Freibad Neukölln und auf der rechten Seite droht der Freizeitpark Hasenheide mit dem größten Drogenumschlagplatz von Berlin, wo die resolute Jugendrichterin Kirstin Heisig zu Tode gebracht wurde. Aber tagsüber ist dies alles durchaus friedlich!

Die Sehitlik – Moschee ist die Versammlungsstätte der türkischen Community in Berlin, wovon man sich bei einem Blick auf die Grabsteine im wunderschönen islamischen Friedhof unschwer überzeugen kann.

2 Sehitlik - Moschee

Die Sehitlik Moschee mit türkischem Friedhof

An einem Nachmittag mitten in der Arbeitswoche ist der Kirchenraum ziemlich leer: In einer Ecke schläft ein Mann auf dem Teppichboden, in einer anderen liest einer im Koran oder betet. Und oben auf der Empore haben sich muslimische Mädchen mit ihren Handys spielend zurückgezogen. Abhängen auf islamisch!

15 Mittagsschläfchen

Mittagsschläfchen in der Moschee

16 Innenraum der Moschee

Der Innenraum der wunderschönen Moschee von der Empore aus fotografiert

Die Sehitlik-Moschee steht für einen liberalen Islam: Für Nicht-Muslime werden Diskussionsveranstaltungen durchgeführt und man sucht auch den interkulturellen Dialog mit Juden. Beispielsweise mit der Salaam – Schalom Initiative des jungen, ehemaligen Rabbinerstudenten, Armin Langer. Über den Erfolg dieser Initiative darf zwar spekuliert werden. Aber ein Anfang wurde immerhin gemacht!

Damit hat sich aber Langer in Widerspruch zur jüdischen Gemeinschaft in Berlin gestellt, die die Chancen eines interkulturellen Dialogs bedeutend skeptischer als er beurteilt. Mehr dazu in der dritten Episode über die Sonnenallee.

Am Ende der Sonnenallee, dort wo diese bereits in das Industriegebiet übergeht, liegt die Al-Nur-Moschee, die bevorzugt von arabischstämmigen Moslems besucht wird.

Sie ist in ihrer religiösen Ausrichtung das genaue Gegenstück zur Sehitlik Moschee: Hier treten vornehmlich salafistische Prediger wie beispielsweise der radikale deutsche Konvertit Pierre Vogel auf.

So durfte 2014 ein Gast-Imam aus Dänemark, Sheikh Abu Bilal Ismail, folgendes ungestraft verkünden: „ Oh Gott, vernichte die zionistischen Juden. Zähle und töte sie bis zum Letzten. Lasse keinen übrig“

Und bei uns wird jemand wegen Wiederbetätigung strafrechtlich verfolgt, wenn er nur die beiden Ziffern 88 an irgendwelche Wände schmiert!

 

2. Episode: Ein Streifzug durch das Rollbergviertel

 

Zwischen der Hermannstraße und der Karl-Marxstraße, in unmittelbarer Nähe zum Neuköllner-Rathaus, ist eine der berüchtigten „No-Go-Areas“ von Neukölln, das Rollbergviertel, zu besichtigen.

Ursprünglich war das Rollbergviertel ein kommunistisch geprägtes Arbeiterviertel, das im Krieg ziemlich zerstört und in den Siebziger-Jahren abgerissen und nach den damaligen städtebaulichen Richtlinien im Plattenbaustil wieder aufgebaut wurde.

Das Viertel wirkt tagsüber so harmlos wie irgendeine Wiener Vorstadtsiedlung und durchaus ein wenig einladend. Keine „broken-windows-effects“ sind bemerkbar. Alles proper! Keine sichtbare Gefahr!

3 Rollbergviertel

Gebäude im Rollbergviertel I

13 Rollbergviertel II

Gebäude im Rollbergviertel II

Die Statistik spricht aber eine andere Sprache:

(1) Jeder zweite Bewohner des Viertels ist ein Sozialhilfeempfänger.

(2) Seine 5.800 Bewohner stammen aus mehr als 30 Nationen, sie sind in ihrer Mehrzahl Moslems.

(3) Die Jugendkriminalität ist exorbitant hoch: Vor zehn Jahren haben sich Polizei und Sozialarbeiter nicht mehr in das Viertel hineinzugehen getraut. Aber seit 2015 / 2016 mit der neuen Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey und vor allem mit der neuen Rot – Rot – Grünen – Stadtregierung in Berlin hat sich alles zum Besseren verändert. Oder es wurde einfach nur alles unter dem Teppich gekehrt – inklusive der mögliche Justizskandal um die „ermordete“ Jugendrichterin Kirstin Heisig?

17 Jobcenter Neukölln

Das größte deutsche Jobcenter ist in Neukölln

Einschub: Wie sicher ist eigentlich Neukölln?

 

Dies hängt eigentlich von drei Faktoren ab:

(1) Zu welchem Opfertyp zählen Sie? Tourist oder als hellhäutiger Deutscher, das ist schlecht. Niemand wird beispielsweise einen äußerlich erkennbaren Türken belästigen, wenn er danach mit der Rache der ganzen hiesigen türkischen Sippe zu rechnen hat.

(2) An welchem gefährdeten Ort befinden Sie sich gerade? In Neukölln sind dies im allgemeinen bestimmte U-Bahn-Stationen, gewisse Plätze wie der Hermannplatz, ausgewählte Straßenzüge wie die ersten Kilometer der Sonnenallee, die Hermannstraße und die Karl-Marxstraße als solche oder ganze Viertel wie beispielsweise das Rollbergviertel.

(3) Zu welchem Zeitpunkt sind Sie unterwegs? Während der späten Nachstunden sind junge, unbegleitete Frauen vornehmlich in den U-Bahnen Freiwild. Dies ist aber nicht anders als in Wien!

6 Grenzackerallee

Grenzallee – Eine U-Bahn-Station der U7 in Neukölln

Auswahl von Antworten auf eine Anfrage einer Studentin, die 2014 zu Studienzwecken nach Neukölln ziehen wollte, ob dieser Stadtbezirk gefährlich und unsicher sei.

https://www.studis-online.de/Fragen-Brett

„Das ist Quatsch, insbesondere die Gegend um das Rollbergviertel und die Boddinstraße war früher absolute Sperrzone, genauso wie Hasenheide und Hermannplatz für Leute, die keine Lust hatten, ohne Geldbeutel und Mobiltelefon wieder nachhause zu gehen oder gerne ein Messer vorgehalten bekommen. Seitdem Kreuzberg zum Kult wurde, hat sich das weitestgehend gelegt, nur in der Hasenheide trifft man den einen oder anderen, der einem berauschende Substanzen andrehen will.“ (ein anonymer Teilnehmer)

„Ich habe leider bisher nur schlechte Erfahrungen mit Neukölln gemacht. Highlight war, als ich im Winter gegen 21:00 Uhr in einem Dönnerladen in der Karl-Marx-Straße saß und auf der Straße Schüsse fielen. U-Bahn-Fahren ist während der Nacht auch schrecklich: ein Kumpel von mir wurde von 4 Leuten in der U8 zusammengeschlagen, eine Freundin von 3 Leuten in der U7 getreten, bespuckt und als Nazihure beschimpft. Mag sein, dass es schöne Ecken gibt, aber ich bin fürs erste abgeschreckt.“ (eine junge Studentin)

„Ich würde mich den düsteren Erfahrungen anschließen. Gerade in Richtung Tempelhofer Feld tut sich viel, aber insgesamt ist Neukölln schon sehr rau, vielleicht als erster Ankunftspunkt nicht unbedingt empfehlenswert. Vor 5 – 8 Jahren waren es vor allem die Jugendlichen, die viel Terz gemacht haben. Durch McFit und Facebook gibt es für die aber mittlerweile Beschäftigung, weshalb sich die Lage schon beruhigt hat.“ (eine Dame, die nach vernünftigen Erklärungen sucht)

„Hahahaha! Urban legends. Oder sprichst du von den 30er Jahren. Ich habe vor zehn Jahren gegenüber vom Rollbergviertel gewohnt. War überhaupt kein Ding! Vielleicht für eine 16-Jährige. Oder meinst du die 90er? Davon kann ich nix berichten und tut natürlich heute auch nix mehr zur Sache.“ (ein abgeklärter junger Mann)

Zum Rollbergviertel gehört auch die tragische Geschichte der Jugendrichterin Kirstin Heisig, eine glühende Verfechterin des Neuköllner Modells, das mit ihrer Ermordung / ihrem Selbstmord in der Hasenheide – so nach dem ehemaligen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowski – im wortwörtlichen Sinn zu Grabe getragen wurde.

Ihr Modell, mit dem sie sich wahrlich keine Freunde machte, sah die konsequente Bestrafung von Jugendlichen vor. Bereits bei der kleinsten Bagatelle mussten die Jugendlichen vor ihr erscheinen. Sofortige Bestrafungen und kein monatelanges Aktenschieben sowie unmittelbare Verständigung der Polizei per Fax, wie es um die Delinquenten steht, waren die Folge.

Für mich ist daher nicht einsichtig, warum sich nach Abbruch des Neuköllner Modells aufgrund des Todesfalles von Frau Heisig, nach dem Abzug von Sozialeinrichtungen (z. B. der Waschküche) und bewährten Sozialarbeiter/innen die Sicherheitslage im Rollbergviertel verbessert haben sollte.

12 Kompetenzzentrum Rollbergviertel

Ein Zentrum im Rollbergviertel

Über das Rollbergviertel hat die liberale Alevitin Güner Yasemin Balci, die für einen liberalen Islam und vor allem für die Emanzipation muslimischer Frauen kämpft, ein Theaterstück „Arabboy“ verfasst. In diesem Stück geht es um Rashid, einen jungen „Mega-Checker“, der sich nicht integrieren will: Er verprügelt jeden, der ihm nicht passt, nimmt ein Betäubungsmittel, das die „Amokdroge“ genannt wird. Er mischt im Drogen- und Prostitutionsgeschäft mit und missbraucht in einem Keller den kleinen Bruder eines seiner Opfer.

Diesen Rashid gibt es natürlich nicht „in natura“, aber die Autorin dieses Theaterstückes legt großen Wert auf die Feststellung, dass sie jede dieser in ihrem Stück erzählten Episoden als Sozialarbeiterin erlebt hat.

 

3. Episode: Flanieren auf der Sonnenallee

 

Keine Straße in Berlin ist arabischer als die Sonnenallee, zumindest die ersten Kilometer ab Hermannplatz. Danach wechseln Bio-Läden, Berliner Gaststätten usw..

Ein Hot Spot in Berlin, der abends eher gemieden werden sollte. Die Sonnenallee gilt bei den Einwohnern und auch bei den Polizisten als die harte Ecke von Berlin.

Halal – Fleischereien und –Imbissstuben, libanesische Restaurants, Herrenfriseure, Hochzeitgeschäfte, die Niqabs im Schaufenster zeigen, Reisebüros mit ihrem Logo in arabischen Schriftzeichen, die „One – Way – Flights“ zu interessanten Destinationen im Nahen Osten anpreisen. Und vieles anderes mehr! 90 % der Ladengeschäfte sind in arabischer Hand.

7 Sonnenallee Straßenansicht

Straßenansicht in der Sonnenallee

8 Sonnenallee Wasserpfeifen

Verschiedene Geschäfte in der Sonnenallee

9 Al Anwar Geschäft

4 Sonnenallee

„ Drogendealer, Straßengangs, Betrunkene prägen nach Sonnenuntergang das Bild. Die Gehwege sind schmutzig, düstere Gestalten hocken in Internetcafes zusammen, in den Seitenstraßen wird Hehlerware verschoben. Junge Männer mit Migrationshintergrund kreisen in dunklen BMWs. Viele wollen Schutzgeld erpressen oder sind einfach nur auf der Suche nach Streit oder einer Schlägerei.“ Dies ist ein kurzer Auszug aus einem bereits acht Jahre alten Artikel der deutschen Zeitung „Die Welt“.

Buchpublikationen aus dem Jahr 2016 und 2017, die sich auch mit der Sicherheitslage in Berlin / Neukölln beschäftigen, haben darauf verwiesen, dass es in den letzten Jahren zu keinem Abklingen der organisierten Kriminalität in Berlin / Neukölln kam. Im Gegenteil!

Stadtverwaltung und Polizei haben lediglich resigniert. Ich will aber nicht unterstellen, dass man sich mit dem organisierten Verbrechen arrangiert hat. Und wie ist es in Wien?

 

Empfehlenswerte Bücher zu diesem Thema:

 

Stefan Schubert: No-go-Areas, Wie der Staat vor der Ausländerkriminalität kapituliert, Kopp-Verlag, Rottenburg, 2017. (ehemaliger Polizist)

Rainer Wendt: Deutschland in Gefahr. Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt, Riva Verlag, München, 2016 (derzeitiger Präsident der deutschen Polizeigewerkschaft)

 

Tagsüber kann man – auch als Tourist mit einer Kamera bewaffnet, solange man keine Menschen fotografiert – problemlos durch die Sonnenallee flanieren. Es herrscht ein geschäftiges Treiben mit einem gemischten Publikum.

Abends, nach Einbruch der Dunkelheit, ändert sich schlagartig die Szenerie: nur mehr arabischstämmige Männer in den Cafes oder die einen Einkauf erledigen. Frauen mit Niqabs und in männlicher Begleitung tauchen gelegentlich im Straßenbild auf.

Und spätestens dann stellt sich eine gewisse Beklommenheit ein, man strebt eiligst heim ins Hotel. Aber vorher muss man noch zur U7 – Bahnstation Hermannplatz mit dem dunklen menschenleeren Platz und den langen U-Bahn-Gängen. Aber dies ist eine andere Geschichte!

Die Sonnenallee ist sicherlich jener Ort in Berlin, vor dem der Zentralrat der Berliner Juden gewarnt hat, den man als Jude mit einem orthodoxen Habit und Aussehen auch tagsüber eher meiden sollte.

Der Rabbi Jehuda Teichtel aus New York von den Lubawitscher Juden, zur Missionierung unter Juden derzeit in Berlin lebend, hat jüngst (2017) gemeinsam mit einer Reporterin und einem Fotografen von der Wochenzeitung „Die Zeit“ gesichert, in der Sonnenallee eine Probe aufs Exempel gemacht.

Er fühlte sich dabei alles andere als wohl. Ein mulmiges Gefühl, das sich bei seinen Auftritten in der Bronx / New York nicht einstellte.

23 Sonnenallee in der Nacht

Die Sonnenallee während der frühen Abendstunden

Die Reaktionen auf seinen Spaziergang durch den arabischen Teil der Sonnenallee waren vielfältig, wobei vorauszuschicken ist, dass es keine physischen Übergriffe gab:

(1) Die meisten Menschen gehen stumm vorbei!

(2) Zweimal kurbeln Männer ihre Autofenster herunter und schreien „Yahoud“, Jude.

(3) Eisige Blicke von zwei Männern mit Gebetsketten.

(4) Ein Mann rempelt den Rabbiner …

(5) … und eine Frau spuckt im Vorbeigehen auf die Straße

(6) Leute hupen an der Ampel und grinsen.

Diese Erlebnisse des Lubawitscher Rabbiners stehen total im Widerspruch zu den Erfahrungen des Gründers der Salaam – Schalom Initiative, Armin Langer, ebenfalls jüdischer Herkunft, der aber, da nicht orthodox, nicht als solcher erkennbar ist.

„Die Furcht in Neukölln ist eine ‚Paranoia‘ der Charlottenburger Juden“

„Niemand müsse in Neukölln Angst haben“

„Er habe als Jude in Neukölln nie Probleme gehabt.“

 

4. Episode: Die Besichtigung der Rütlischule

 

Die Weserstraße, auch beim Hermannplatz beginnend, bildet zur Sonnenallee eine Parallelstraße und könnte nicht unterschiedlicher sein.

Während im „Gaza-Streifen“ oder in „Klein-Beirut“, wie dieses Teilstück der Sonnenallee auch genannt wird, das arabische Leben pocht, breitet sich wenige hunderte Meter davon entfernt das urbane alternative Leben mit den typischen Berliner Kneipen, Galerien und Buchhandlungen aus. Abends führen die Menschen ihre Hunde Gassi, die in der Sonnenallee „haram“ sind.

20 Künstlerviertel Weserstraße

Alternative Szene in der Weserstraße

10 Kunstbar Weserstraße

Alternative Szene in der Weserstraße

19 Viertel um die Rütlistraße

Das „gentrifizierte“ Viertel um die Rütlischule

An einer Ecke Weser- / Rütlistraße liegt idyllisch innerhalb einer Gartenlandschaft ein weitläufiges Areal, der Rütli-Campus.

Kaum zu glauben, dass es vor zehn Jahren, im Jahr 2006, folgenden Brandbrief der Lehrerschaft der Rütlischule, die damals noch eine öffentliche Hauptschule war, gab: „Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen…. Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen die Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit ihren Handys in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.“

Dieser Brandbrief hatte ein unerwartetes Echo: Plötzlich war die Rütli-Schule als Deutschland schlimmste Schule in aller Medienmunde.

5 Rütlischule

Das Hauptgebäude der Rütlischule

Und es kam in der Folge zu einem Neustart.

Die Hauptschule, in die vorher alle schwierigen Kinder abgeschoben wurden, wurde aufgelöst und eine Gemeinschaftsschule mit vielfältigen Abschlüssen, inklusive Abitur, installiert.

Es wurde ein Ganztagsunterricht eingeführt, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen wurden in das Unterrichtsgeschehen eingebettet, neue Lehrformen, zum Teil außerhalb des Lehrplanes, und ein Unterricht in der Muttersprache der Migranten (arabisch oder türkisch als Zweitsprache) wurden gefördert.

Außergewöhnlich ist auch das pädagogische Umfeld der Rütlischule.

Auf dem Campus befindet sich zwei Kitas, ein Jugendzentrum, eine Sporthalle, eine Volkshochschule, ein Kinder- und Jugendgesundheitsdienst sowie ein Sozialpädagogischer Dienst.

21 Campus Rütlistraße

Eingang zum Rütli-Campus

Diese ellenlange Aufzählung soll signalisieren, dass es sich hierbei nicht mehr um eine typische Stadtteilschule mit einem hohen Migrantenanteil handelt, sondern um eine reine Modellschule.

Damit sollen aber die enormen Leistungen der Rütlischule Neu nicht in Abrede gestellt werden.

24 Tafel der Rütlischule Gedenktafel,auf der die Reformbemühungen der Rütlischule gewürdigt werden

Diese Einschätzung bekräftigt auch die Leiterin des Rütli-Campus, Cordula Heckmann, wenn sie ganz stolz verkündet:

„In den unteren Klassen haben wir bereits 60 Prozent der angemeldeten Schüler ohne Migrationshintergrund“.

Anmeldung heißt immer auch Auswahl!

Auf den Klassenfotos tragen nur die wenigsten Mädchen Kopftuch und es wird Mädchenfußball angeboten.

In welcher Wiener Pflichtschule in einem der Bezirke mit einem hohen muslimischen Migrantenanteil gibt es auch dieses Angebot?

Ist doch bereits das Fußballspiel als solches „haram“ – und dann erst mit Mädchen!

22 Mädchenfußball

Angebot Mädchenfußball

D. h. nur 40 % der Schüler in den unteren Klassen in der Rütlischule haben einen Migrationshintergrund vorzuweisen.

Wie aber lässt sich dies mit den statistischen Daten vereinbaren, dass 85 % der Schüler in den Grundschulen Nord-Neuköllns einen Migrationshintergrund haben.

So eine Aussage der neuen Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey.

Unsere Unterrichtsministerin, Sonja Hammerschmied, hat kürzlich der Rütlischule einen Besuch abgestattet und gemeint: „Das Beispiel der Rütli-Schule zeige, dass vieles möglich sei, wenn man nur will!“

Wirklich?

Die Rütlischule ist keineswegs eine Modellvorlage für die bildungsmäßige Integration von Migranten in unserem Land.

In den Regelschulen Wiens kann ich mir weder die Schüler aussuchen noch kann ich mit so viel Geld auf einem Privat-Grundstück eine solches pädagogisches Umfeld wie den Rütli-Campus schaffen.

Diese Ansicht vertritt auch Tom Erdmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Berlin, selber auch Lehrer, der meinte, dass die Rütlischule eine privilegierte Stellung einnehme, die auf andere Schulen nicht übertragbar sei.

Und noch eine weitere demografische Entwicklung hat zum Turnaround in der Rütlischule geführt.

Berlin ist eine ungemein dynamische Stadt. Überhaupt nicht mit Wien zu vergleichen. Überall wird gebaut. Wenn eine Kneipe bzw. ein Laden schließt, macht daneben eine andere/r auf.

Hinzu kommt ein lebhafter Zuzug junger Menschen mit Ideen und Geld aus westlichen Industrieländern (inkl. Israel) wie auch aus den westlichen Bundesländern Deutschlands. Verstärkt wird dieser Trend durch eine Wanderungsbewegung innerhalb Berlins von den Hochmietbezirken nach Neukölln oder in andere Problembezirke der Stadt.

Egal, ob man von einer Gentrifizierung, nämlich einer Verdrängung einer statusniedrigeren durch eine statushöhere Bevölkerung aus Gründen der Mietspekulation, die mit einer baulichen und kulturellen Aufwertung des Viertels einhergeht, sprechen kann, verbleibt doch das Faktum, dass Nord-Neukölln vermehrt junge Menschen mit und ohne Familien anzieht.

So auch den Autor, Thomas Lindemann, des interessant gemachten Buches über Neukölln „ Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche. Unser neues Leben im Problemkiez“, den es mit seiner Familie von dem bereits gentrifizierten Bezirk Prenzlauer Berg nach Neukölln verschlagen hat.

„Der Grund für den Umzug waren die Mieten. Für uns fünf war es in unserem gentrifizierten Stadtteil zu teuer…. Meine Frau und ich arbeiten freiberuflich…. Als ich einmal eine Vermieterin fragte, warum sie fast doppelt so viel verlange wie der Mietspiegel vorsieht, nannte sie mich einen ‚Korinthenkacker, an den sie nicht vermiete‘. „ So der Autor!

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Eine kurze Studienreise nach Neukölln-Berlin (4. – 7. April 2017)

 

A. Drei empfehlenswerte Bücher über Neukölln mit höchst unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtung und Beurteilung:

 

Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall, Ullstein Verlag, 2. Auflage, Berlin, 2013.

Armin Langer: Ein Jude in Neukölln, Mein Weg zum Miteinander der Religionen, Aufbau Verlag, Berlin, 2016.

Thomas Lindemann: Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche. Unser Leben im Problemkiez, Berlin Verlag, Berlin, 2016.

 

B. Zeitungsartikel:

 

Die Zeit, 9. Juni 2016: Unser neuer Kiez. Mit Frau und drei Kindern zog unser Autor Thomas Lindemann nach Neukölln. Mit einigen Konflikten hat er gerechnet. Mit solchen Überraschungen nicht.

Kronenzeitung 11. Dezember 2016: Von der Horrorschule zum Bildungs-Vorbild.

Die Zeit, 2. Februar 2017: Innere Unsicherheit, Schrottreife Pistolen, veraltete Schutzwesten, marode Wachen …
Manche Straftaten werden kaum noch verfolgt. Die Geschichte einer Überforderung der Berliner Polizei.

Die Zeit, 9. Februar 2017: Unterwegs an der Front, Gibt es No – Go -Areas in deutschen Städten? Für manche Menschen schon. Unterwegs mit einem Rabbiner in Berlin – auf der Neuköllner Sonnenallee.

Die Zeit, 23. Februar 2017: Arabische Polygamisten, bitte melden. Auf der Suche nach einem bekennenden Polygamisten in der Sonnenallee / Neukölln.

 

C. Internetartikel

 

Rollbergsiedlung

Muslime aus Neukölln im Visier von Salafisten

Güner Yasemin Balci – Suche nach einem liberalen Islam

Nachstreife durch Berlins gefährlichsten Bezirk

Gentrifizierung in Berlin-Neukölln: Der Feind meines Feindes ist mein …. Nachbar

Gibt es in Neukölln keine Gentrifizierung?

Rütli-Schule Die gleichen Schüler mit neuen Perspektiven

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Alle Kommentare

  • Susan 15.05.2017, 7:50 Uhr

    „Die Sonnenallee ist sicherlich jener Ort in Berlin, vor dem der Zentralrat der Berliner Juden gewarnt hat, den man als Jude mit einem orthodoxen Habit und Aussehen auch tagsüber eher meiden sollte.“

    Gemeint ist wohl die typische Kleidung ultra-orthodoxer, chassidischer Männer – langer Mantel, schwarzer Hut (über der Kippa), Schläfenlocken. Normalerweise tragen orthodoxe jüdische Männer einfach eine Kippa (und orthodoxe jüdische Frauen sehr häufig ein Kopftuch).