Ein Nachklang zum ersten Wahlgang der österr. Bundespräsidentenwahl 2016
27. 4. 2016

Überraschende Ergebnisse

Der erste Wahlgang zur Bundespräsidentenwahl 2016 hat aus demoskopischer Sicht einige Überraschungen gezeitigt: 35,1 % für Norbert Hofer und 21,3 % für Alexander Van Der Bellen, wiewohl alle Meinungsumfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostizierten.

Dazu müsste man allerdings wissen, wie diese Meinungsumfragen zustande kamen, um die Glaubwürdigkeit ihrer Ergebnisse beurteilen zu können.
Vor 30 Jahren 1986 stand auch eine Wahl bevor, eine Nationalratswahl, mit dem Shooting-Star Jörg Haider, der auf den Fleck fast 10 % erreichte, nachdem vorher die Steger- FPÖ umfragemäßig bereits bei zwei Prozent verortet wurde. Schon damals war die Meinungsforschung nicht in der Lage, das Comeback der FPÖ vorherzusehen. Und ich weiß wovon ich spreche. Schließlich war ich damals mit meinem IT-Institut – sowie mit dem IFES verbunden – hautnah am Geschehen.
Inzwischen haben sich aber die Rahmenbedingungen für Wahlforschungen drastisch verschlechtert:

1) Abnahme der Lagerbindung!

Ich habe die genauen Prozentsätze nicht mehr im Kopf. Aber ich denke, dass noch 1986 60 bis 70 % der Parteianhänger immer die gleiche Partei wählten.

2) Ungeeignete Erhebungswerkzeuge

Eigentlich sind Meinungsumfragen obsolet. Repräsentative Face-to-face-Befragungen sind kaum noch möglich. Wer lässt schon jemand in seine Wohnung? Und Telefonumfragen über Festnetz gibt es kaum noch. Was bleibt sind Handy- oder auch Online-Umfragen. Dabei ist vollkommen unerheblich, mit irgendwelchen Schwankungsbreiten zu operieren, wenn ich nicht weiß, wer sich letztlich an diesen Umfragen beteiligte.
Diese statistischen und in ihrem Ergebnis auch falschen Erhebungsmethoden führten in der Folge zum Vorsprung von Van der Bellen. Hierbei kam es zu einer „self- fulfilling-prophecy“ (eine selbsterfüllende Prophezeiung). Damit ist gemeint, dass sich die Menschen nach einer an sich falschen Prognose ausrichteten und damit vielleicht den Kandidaten der Sozialdemokratie nicht mehr in ihre Überlegungen einbezogen.

Schuld sind aber die Medien

In diesem Fall sind natürlich nicht die Meinungsforschungsinstitute schuld, die haben nur – in diesen schwierigen Zeiten ihr Geschäft gemacht-, sondern die Massenmedien, die diese an sich falschen Umfrageergebnisse popularisierten.
Was verbleibt zukünftig für die politische Meinungsforschung in Österreich, wenn man vom Consulting für die politischen Parteien oder auch von den bezahlten medialen Wortspenden absieht? In den USA gibt es die Zweiteilung zwischen „polls“, Adhoc-Erhebungen zur politischen Stimmungslage als Infotainment, und den „surveys“, wissenschaftliche Wahlforschung mit einem relativ großen Budget ausgestattet.

Pull- und Push-Faktoren bei einer Wahlentscheidung

Abschließend möchte ich mir erlauben, meiner persönlichen Meinung – ohne irgendwelche empirische Belege dazu – zu diesem ungewöhnlichen Ausgang des 1. Durchganges zur Bundespräsidentenwahl Ausdruck zu verleihen.
Faktum jedenfalls ist, dass zum ersten Mal seit 1945 die beiden staatstragenden Parteien nicht den Bundespräsident stellen werden, und dass zudem die beiden Kandidaten der Regierungsparteien zusammen nicht einmal ein Viertel der gültigen Stimmen auf sich vereinigen konnten. Bei der Nationalratswahl 1986 entfielen noch 90 % der gültigen Stimmen auf die beiden damals noch Großparteien.
Aber wie war dies möglich?
In der psychologischen Attraktivitätsforschung, sei es bei der einer Standortwahl für Betriebsansiedlungen, bei Flüchtlingsströmen oder auch bei der Präferenz der Wähler für einen Kandidaten bei einer Wahl gibt es immer zwei gegensätzlich wirkende Faktoren:
(1) Push-Faktor (abstoßender Faktor). Eine Person oder auch ein Land stößt mich ab!
(2) Pull-Faktor (anziehender Faktor). Eine Person oder auch ein Land zieht mich an!

Umgelegt auf die Bundespräsidentenwahl 2016, 1. Durchgang, würde dies Folgendes bedeuten: Nachdem die Massenmedien die Pole-Position des Van der Bellen in den Umfragen publizierten, dachten nicht wenige Österreicher, dass man diesen Menschen mit seiner „Welcome-Kultur“ für Flüchtlinge unbedingt verhindern muss. Und daraus ergab sich ein Wählerpotential für Nobert Hofer, das vorläufig noch beträchtlich über jenem der FPÖ liegt.

 

Da Hofa wors

Da Hofa wors

Diesen Push-Faktor – wie bei Norbert Hofer – gab es im umgekehrten Fall auch bei Van der Bellen. Auch diesmal wählte man bevorzugt – und wird es auch im zweiten Wahlgang so tun – Van der Bellen, um Hofer zu verhindern. Und in diesem Spiel spielte Hundstorfer nur mehr die Rolle des Schmiedel, was natürlich bezüglich der Organisationsstärke des ÖGB und der Wiener SPÖ zu Denken gibt.

 

Heimat bist Du großer Söhne, Töchter-gendergerecht formuliert

Heimat bist Du großer Söhne, Töchter
– gendergerecht formuliert

 

Mit mehr als 800.000 Wähler stolze Tochter Österreichs

Mit mehr als 800.000 Wähler stolze Tochter
Österreichs

Aber wie wird die Bundespräsidentenwahl 2016 ausgehen?

Winston Churchill hat einmal davon gesprochen, dass die schwierigste Prognose jene in die Zukunft ist.
Dessen ungeachtet möchte ich zwei Überlegungen bezüglich des nächsten Bundespräsidenten, dessen Position letztlich doch eine marginale ist, zur Diskussion stellen.

Ich glaube, es wird ein Lagerwahlkampf. Die Frage ist allerdings, wie groß die beiden Lager wirklich sind – und vor allem, wie viele Menschen noch in diesem Lagerdenken verhaftet sind. Ich persönlich habe mich von diesem Denken bereits vor vielen Jahrzehnten verabschiedet.

(1) Van der Bellen wird gewinnen

Wie bereits vom Ausland angemahnt, muss die „braune“ Flut gestoppt werden. Sollte diese Meinung mehrheitsfähig sein, dann wird Van der Bellen der erste grüne Bundespräsident.

Zwei Wiedergänger oder doch vielmehr die neuen Repräsentanten des bürgerlichen Lagers? Adieu ÖVP!

Zwei Wiedergänger oder doch vielmehr die
neuen Repräsentanten des bürgerlichen
Lagers? Adieu ÖVP!

(2) Hofer wird gewinnen

Die Waldheim-Wahl hat bereits gezeigt, dass die Österreicher auf Zurufen von außen allergisch reagieren. Ob dies für Hofer reicht, das weiß ich nicht.

 

Das neue unrasierte Testimonial des  linken Lagers. Adieu SPÖ!

Das neue unrasierte Testimonial für das
linke Lager. Adieu SPÖ!

Denn für mich selbst ist dies eine Wahl zwischen Pest und Cholera!

Wo ist das richtige Sackerl für mein Gackerl?

Wo ist das richtige Sackerl für mein Gackerl?

Wien, 27. 4. 2016

Dr. Kurt Traar

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Alle Kommentare

  • Gerhard Ww 14.07.2016, 21:19 Uhr

    Servus Kurt,

    VdB ist für mich weder Pest noch Cholera, dann schon eher der andere, der ist wohl beides.

    Dein Blog ist gut gemacht, die Präsentation wirklich sehr ansprechend;
    dein eigenes Web Design?

    Ich bin erst jetzt eingestiegen und habe mich noch nicht richtig umgesehen; kommt noch.

    Vergangenen Dienstag war gut mit dir zu plaudern, war für mich auch viel interessantes dabei.

    Bis nächstens wieder, Gerhard